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SIMON AHLBORN (13. Klasse):


Der Wächter von Göttingen (2043) – „Im November nix los“


Ich sitze am Schreibtisch. Leselampe an. Brille auf. Kaffee steht vor mir. Ich öffne mein digitales Tagebuch (Ja, digitales Tagebuch, früher gab es was anderes, nannte sich Buch, kennt ja heute keiner mehr.). Nun ja. Jetzt sitze ich hier und will schreiben. Warum? Hat mir vor vielen Jahren mal mein Deutschlehrer erzählt. Es sei gut, wenn man am Ende des Lebens was zu hinterlassen hat. Deshalb dachte ich mir, dass ich ja meinen Alltag beschreiben könnte. Meinen Alltag, der so anders ist als früher vor zig Jahren …


Augen auf. Wachsam sein. Das ist mein Job. Seit wann eigentlich? Schwierig. Die Augen habe ich schon immer auf. Und wachsam? Bin ich auch, seit ich denken kann. Also kann man das jetzt eigentlich „Job“ nennen? Bestimmt. Ich verdiene ja Geld damit. Wenn mich jemand fragt, wie viel, antworte ich: Reicht völlig aus, wichtiger ist für mich der Dienst für mein Land und meine Stadt. Das zählt. Nichts anderes. Nichts anderes habe ich in meinem Leben. Ich, 43 Jahre alt, ohne Familie, ohne klassische Familie. Meine Frau, meine Kinder, meine Verwandten, meine Freunde: All das ist der Job. Für den bin ich da. Immer. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. So gehört sich das für einen Stadtwächter.


Mein Alltag ist jeden Tag gleich. Aufstehen, anziehen, aufräumen, aufrichten, aus dem Haus gehen. Aber halt. Ich habe das Gefühl, dass heute etwas anders ist. Heute an diesem Novembertag im Jahr 2043. Warum ist etwas anders? Dieser Sache werde ich auf den Grund gehen müssen. Also geschwind den herausgeputzten, hellen und hervorragenden Eingang meines mickrigen, muffigen und maroden Reihenhauses hinaus. Hinaus. Hinaus ins Leben. Ins Leben. In mein Leben? Nein, gewiss nicht. In das Leben von uns allen. Mein Plan heute: Kasseler Landstraße, Weender Landstraße, Berliner Straße, Bürgerstraße, Weender Straße, Goethe-Allee, Jüdenstraße, Rote Straße, Theaterstraße und Groner-Tor-Straße. Straße, Straße, Straße. In dieser sicherlich nicht ganz schlüssigen Reihenfolge.


Also, Beginn der Überwachung: Kasseler Landstraße. Die Notizen muss ich mir, wie jeden Tag, in das Tablet schreiben, welches direkt mit meinem Chip verbunden ist. Jeder hier hat einen Chip. Einen Chip, der alles sammelt, was von Relevanz ist. Herzschlag, Schlafrhythmus, Gesundheitsbild, Bewegungsmuster oder auch bestimmte Freizeitinteressen. Ich finde das gut. So weiß jeder, wo der andere ist. Außerdem können Ärzte schnell eingreifen, wenn es jemandem schlecht geht. Nie wieder Ungewissheit, was einem fehlt. Nie wieder. Alles ist klar geregelt und dokumentiert. Wichtig ist auch: Jeder ist Teil der Gesellschaft. Jeder. Ob arm oder reich. Denn jeder hat eine Aufgabe, damit in unserer Welt alles funktioniert.


Wenn ich da zurückdenke. 2022 zum Beispiel. Oder ein paar Jahre vorher, diese Corona-Sache. Sowas möchte und werde ich nicht mehr erleben. Diese Zeit damals. Chaos. Nur Chaos. Da konnte jeder machen, was er wollte. Sogar einfach mal ein paar Tage nicht den Gesundheitsbericht hochladen oder ein paar Wochen nicht zum Arzt gehen. Wahnsinn. Unvorstellbar. Wenn man sich überlegt, dass es Menschen gab, die Angst hatten, in ihren Häusern eingesperrt zu werden. Da fragt man sich: Was ist daran schlimm? Ist doch bei uns völlig normal. Wenn bei uns der Ordnungshalter, früher hieß das Bürgermeister, anordnet, dass wir zu Hause bleiben müssen. Völlig normal. Wenn wir mal einen Tag lang nicht in die Supermärkte dürfen, weil dort Kunden einen Virus hatten. Völlig normal. Solche Sachen gehören dazu wie Zähneputzen.


Diese Gesellschaft damals. Ungeheuerlich. Sie nannten dieses Leben Freiheit. Ich sage dazu: Chaos. Alles muss seine Ordnung haben. So leben wir heute, 2043. Und das ist auch gut so. Ein anderes Leben könnte ich mir gar nicht vorstellen. Wobei - manchmal vermisse ich, dass es Tage gab, an denen man nicht auf die Ernährung und an den Bewegungsablaufplan denken musste. So, jetzt aber schnell zurück zum Hier und Jetzt.


Noch fünf Minuten Kasseler Landstraße. Heute ist hier nicht viel passiert. Einer hat seine Zigarette beispielsweise einfach auf den Boden geschmissen. Unerhört. Sofort 10 Minuspunkte in seinem persönlichen Zeugnis. Dann hat einer seine Einkaufstüte fallen lassen – 5 Minuspunkte. Minuspunkte. Meine eigentliche Hauptaufgabe. Ich muss die Minuspunkte dokumentieren, die entscheidend für den Gesamteindruck jedes Einzelnen beim Ordnungshalter sind. Eine sehr wichtige Aufgabe. Kann auch nicht jeder. Man muss schon so überaus korrekt und zuverlässig sein wie ich.


Aber nun zum nächsten Kontrollpunkt: Die Weender Landstraße. Dort ist auch die Wächterzentrale (Hausnummer 2). Früher stand hier das Auditorium. Aber dann wurde entschieden, dass dort der Knotenpunkt aller Wächterinformationen ist. Jeden Tag gehe ich hier hin und gebe meinen Tagesbericht ab. Wie alle anderen Wächter in Göttingen, und das sind 4343. Nach der Tagesberichtabgabe ist erst mal Kaffeepause. Aber nicht im wörtlichen Sinne. Kaffee gab es früher. Heutzutage gibt es heißes Wasser mit einem Hauch von Ingwer. Soll gesund sein, sagen sie.


Nachdem ich ausgetrunken habe, gehe ich zur letzten Station meiner Tagestour. Die Groner-Tor-Straße. Aber was soll ich sagen? Nichts passiert. Leider. Obwohl, ist ja eigentlich sehr positiv. Natürlich freue ich mich, wenn sich die Menschen an unsere Regeln halten, aber langweilig ist mir dann schon etwas. Nun ja. Feierabend.


Als ich mit meinem E-Scooter nach Hause fahre, denke ich an heute Morgen. Schon da hatte ich das Gefühl, dass etwas anders ist. Aber was nur? Während ich die Haustür aufschließe, denke ich weiter nach. Habe ich was falsch gemacht? Habe ich etwas übersehen? Und wenn ja, was genau? Oder habe ich vergessen, meinen Schlafrhythmus zu dokumentieren? Ist mir ja noch nie passiert. Wenn es so sein sollte, drohen mir drastische Strafen. Eine Woche beispielsweise keine öffentlichen Veranstaltungen. Eine völlig normale Strafe. Die hätte ich in diesem Fall auch verdient. Aber es sollte ganz anders kommen.


Als ich die Tür aufschloss, kam mir ein unangenehmer Geruch in die Nase. Ein beißender, durchdringender und fauliger Geruch. Eine Leiche? Nein. Eine tote Katze? Nein. Ist hier ein Verbrechen passiert? Nein. Alles viel einfacher. Wie soll ich das jetzt beschreiben. Ach, ganz einfach. Kurz und schmerzlos. Milch übergekocht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Darüber sollte man mal nachdenken. Ich mache mir die ganze Zeit, den ganzen Tag darüber Gedanken, was wohl passiert sei. Aber am Ende: Milch. Übergekocht.


Währenddessen mache ich das Fenster auf und schmeiße den heißen Topf mit der übergekochten Milch aus dem Fenster. Sicherlich fragen Sie sich (Ich bleibe mal beim Sie, keine Ahnung, wer irgendwann mal mein altes Tagebuch liest.): Wieso schmeißt der denn den Topf aus dem Fenster? Ist sowas nicht verboten? Völlig zu Recht. Ist strengstens verboten. Aber was soll‘s. Manchmal muss ein Mann tun, was er tun muss. Komischer Spruch aus dem Mund eines Wächters. Stimmt aber.


Jedenfalls werde ich mir dafür eine empfindliche Strafe einhandeln. Alles wegen eines blöden Milchtopfs. Aber im November, da ist ja eh nie was los. Könnte meine Erkenntnis an diesem Tag sein. Im November nix los. Diese Aussage ist nicht von Erich Maria Remarque. So viel soll erwähnt werden... So, geschafft. Ich hoffe, mein Deutschlehrer wäre zufrieden. Muss er eigentlich. Er würde unsere Zeit als „Neue Welt“ bezeichnen. Komisch eigentlich. Hier ist ja nichts neu, nur anders. Aber aus dem damaligen Blickwinkel? Na ja, egal. Was kann ich heute noch so machen? Nichts eigentlich. Wie immer im November. November eben. Im November nix los…