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GRETA THIELE (9. Klasse):


Wahrheit


Ich wachte auf. Ich musste beim Lernen eingeschlafen sein, die lauten Rufe meiner Mutter rissen mich Stück für Stück zurück in die wache Welt. „Miriam!“, drang schon wieder ihre Stimme aus der Küche und langsam war ich richtig wach. „Was ist?!“, rief ich durch die geschlossene Tür, wohlwissend, dass meine Mutter es lieber hätte, wenn ich aufstünde und zu ihr käme. „Es ist spät!“, rief sie jetzt genervt. Verwirrt ließ ich den Blick zu der Uhr über meiner Tür wandern und schrak hoch. Es war zu spät! Es dauerte genau vier Minuten, bis ich umgezogen und ausreichend geschminkt, mit Wintermantel und Stiefeln den Treppenflur runtergerannt war, weitere elf, bis ich den vereisten Weg zur Schule zurückgelegt hatte. Wer kam überhaupt auf die Idee, an einem Samstagabend eine Klassenaktion in der Schule zu veranstalten. Und dann nicht einmal mit der ganzen Klasse gleichzeitig. Ich hatte bei Weitem Besseres zu tun! Laut unserer Lehrerin soll das den Klassenzusammenhalt stärken, aber wir wissen nicht einmal, was genau geplant ist. Alles was uns erzählt wurde, ist, dass ein paar Leute aus der Oberstufe in ihrem Kurs ein Projekt hatten, dessen Resultat wir nun testen sollten, dass wir dafür in Vierergruppen eingeteilt wurden und unsere Eltern dem Ganzen zugestimmt hatten. Als ich schließlich durch die Schultür trat, sahen mich zwei Gesichter abwartend an; das eines Oberstufenschülers und das meines Klassenkameraden Lennart. Die anderen beiden Mitglieder meiner Gruppe waren Matteo, der an eine Säule gelehnt auf sein Handy schaute, der war cool. Und Maeve, die ebenfalls an einer Säule lehnte, jedoch mit geschlossenen Augen und Kopfhörern auf den Ohren, zu ihr hielt ich Abstand halten, sie war halt Maeve. „Bin ich zu spät?“ Natürlich wusste ich, dass ich es war, aber man musste ja immer schön cool bleiben. „Ach ne, wir warten erst zehn Minuten“, sagte der Oberstufenschüler beherrscht. „Oh, huch“, meinte ich desinteressiert, während ich mir den Mantel auszog und über den Arm hängte. Langsam schritt ich über den endlosen Boden unseres Schulflurs und ließ den Hall meiner Schuhe klingen. „Und jetzt?“ „Matteo, Maeve, kommt ihr bitte auch her? Jetzt kann es endlich losgehen“, meinte er voller gespannter Vorfreude. Er hatte uns erklärt, was uns bevorstand. Eigentlich hatte er nur gesagt, wir müssten entkommen. Dann hatte er uns in den Ostflügel der Schule geleitet und in einem Klassenraum eingesperrt. Es sei meine Schuld gewesen, dass er nicht mehr Zeit zum Erklären hätte. „Na toll, und jetzt?“, fragte Matteo, der sich gelangweilt im Raum umsah. Lennart ging auf die Tafel zu. „Wir müssen entkommen.“ „Wow, danke für den Tipp!“, antwortete ich, und sah mich ebenfalls um. Das Klassenzimmer sah aus wie unseres. Dreckiger Linoleumboden, graue Plastikstühle und Kreidestaub an der Tafel, welche Lennart jetzt genauer inspizierte. Ekliges, steriles Klassenzimmer eben. „Es ist ein Rätsel! Wir müssen wahrscheinlich den Schlüssel finden und dafür auf alle Hinweise achten, die im Raum versteckt sind.“ Eines musste ich ihm lassen, er war schnell. Er hatte die Tafel geöffnet und jetzt sah man innen eine weiße vier auf der Tafel stehen. „Hier sind wahrscheinlich exakt vier Hinweise versteckt. Los, sucht!“ Ich wollte mich nicht lächerlich machen, aber mir blieb nichts anderes übrig, also suchte ich. Nach einer viertel Stunde hatten wir Zettel gefunden. Einer steckte in der Bodenleiste, einer war in der Schreibtisch-Schublade, einer klebte an der Unterseite eines Stuhls und der letzte war an der Wand sichtbar geworden, als wir die Tafel hochgeschoben hatten. In dieser Zeit hatte Matteo, der als Einziger nicht gesucht hatte, versucht, das Zahlenschloss zu knacken, das an einer kleinen Kiste hing, in der sich vermutlich der Schlüssel für die Tür befand. Erfolglos. Auf der einen Seite der Zettel war jeweils ein Teil des Lageplans unserer Schule, auf der anderen waren verschiedene Rätsel. Lennart, der scheinbar das Kommando übernommen hatte, fügte sofort den Plan zusammen, drehte diesen um und begann die Rätsel zu lösen. Ich mochte ihn nicht, er war der Streber in unserer Klasse. Mit Matteo verstand ich mich sehr gut, freundschaftlich. Er war in unserer Klasse sehr präsent, das verbindet irgendwie unsere Freundesgruppen. Ich war wohl das beliebteste Mädchen in der Klasse. Und Maeve war komisch, sie war die Außenseiterin. Immer trug sie neonpinke Sneaker, eine schwarze Jogginghose, ein lockeres, buntes Crop-Top, eine schwarze Sweatjacke und eine schwarze Mütze oder Kopfhörer. Sie hatte schwarze, kinnlange Locken, die zum Großteil lila und pink gefärbt waren. Sie sah gut aus, aber das sprach keiner laut aus. Es sprach auch keiner leise aus. Ich sprach es nicht aus, obwohl es stimmte. Sie war uncool, also war ihr Aussehen zu extra. Es dauerte eine Weile, doch schließlich hatte Lennart das Rätsel gelöst, die Tür geöffnet, und wir waren auf eine Art Partner-Parkour im Ost-Flur gestoßen. Lennart überlies Matteo und mir das Kommando, da wir die Einzigen waren, die diesen Parkour auch zusammen machen würden. Wir schafften es mit ein paar Anläufen und öffneten den Weg für die anderen. Schließlich kamen wir ins Treppenhaus, durch dessen weitere Tür wir im Hauptflur sein würden, unser scheinbares Ziel, in dem wir wohl gegen das andere Team antreten mussten. Es wird euch umbringen, es wird euch stärken, es wird euch lernen lassen. Ihr kennt es alle, ihr verdrängt es alle, ihr schweigt es alle zu Tode. Ihr hasst es, ihr liebt es, ihr wisst, es ist die dunkelste Episode. Ihr lebt es, ihr lasst es nie sterben, ihr werdet es nie, ihr werdet es immer hassen. Wir überlegten. Wir schwiegen lange. Wir wussten nicht einmal was wir tun sollten, die Tür kann zwar automatisch öffnen, doch jetzt konnten wir nicht mal ein Schloss finden, das sich öffnen ließ. Dann sprach sie. Maeve. „Der Klassenclown. Der IT-Nerd. Der zukünftige Dealer. Der Fußballer. Der Feminine. Der Stille. Der Boss. Das It-Girl. Die Streberin. Das Pferdemädchen. Die Schüchterne. Die Künstlerin. Die Turnerin. Die Mitläuferin. An wen denkt ihr gerade? Mathilda? An wen denkt ihr beim IT-Nerd? Nick? Du bist das It-Girl, Miriam. Du der Streber, Lennart. Du der Angeber, Matteo. Sie hat die falschen Klamotten. Er hat das falsche Handy. Du kennst den Tik-Toker nicht. Du hast Pickel. Du bist aufdringlich. Wie oft muss ein Mädchen hören, es sollte besser aussehen? Wie oft wird sie missbilligend angeguckt, weil sie zu viel Make-Up hat? Wie oft ist eine 1 gleich die Note für einen Streber? Selbst bei dem eigentlich Coolen. Wie oft ist eine schlechte Note für zu faul erledigte Arbeit? Wie oft dachtest du, ich sei uncool, Miriam? Wie oft hast du mich gesehen und dich gefragt‚ was haben die Eltern bei der nur falsch gemacht, die ist ja voll unerzogen, Lennart? Wie oft fandest du mich zu unbeliebt, um auf nur eine meiner Nachrichten zu antworten, Matteo? Nach dem Nachmittag in der Stadt dachte ich, du bist schlauer als der Rest. Wie sehr du mir danach aus dem Weg gegangen bist! Als wäre ich ansteckend. Wie oft hast du dir die Kommentare unter deiner Story angeguckt und meine besser übersehen, Miriam? Was habe ich letztes Jahr noch alles dafür getan dazuzugehören?! Wie verzweifelt habe ich versucht zu euch zu gehören?! Warum war es mir so wichtig bei Idioten abzuhängen! Warum hab ich nicht früher eingesehen, dass es das nicht wert war! Wie oft stehst du neben deinen Eltern beim Einkaufen, Lennart, und überlegst, ob du dir nicht einfach den ‚coolen Style‘ zulegst, den die anderen tragen? Wie oft sitzt du zu Hause und überlegst, ob du das Treffen mit deinen Freunden absagen kannst, mit dem Grund zu lernen, oder ob du lieber dem Spott entkommen willst, Matteo? Wie oft stehst du, Miriam, mit deinen Freunden an der Kasse und zögerst beim Kauf, weil du nicht schon wieder dein eigenes Geld verschwenden willst, jetzt wo dein Vater sich von euch getrennt hat und du nicht weißt, wie du deinen Freundinnen sagen sollst, dass du kein Geld für einen Bubble-Tea hast? Glaubt mir, ich habe im vergangenen Jahr diesbezüglich einiges mitbekommen. Ich habe hingeschaut, als der Rest es totgeschwiegen hat. Ich habe zugehört, wenn Lehrer über Mobbing in der Schule sprachen. Ich habe auf den Ausdruck in euren Gesichtern geschaut, wenn ihr gelogen habt, wegen einer Sache, die man ja sonst natürlich als irrelevant bezeichnen würde. Ich habe Stunden damit verbracht, mich zu fragen, was es wert ist! Tage, Wochen… Ist der gute Ruf eine schlechte Note wert? Das Ändern der Persönlichkeit? Ist er mangelndes Geld wert? Ist er Kopfzermartern, Magenkrämpfe und Tränen wert? Ist er einen dieser hoch wichtigen Vorträge der Eltern wert, den man nach zwei Stunden vergisst. Niemand spricht von Mobbing. Mobbing ist ja von den Erwachsenen immer so übertrieben. Wisst ihr, was es ist? Es ist kein Mobbing, Mobbing ist was ganz anderes. Das hier ist Gruppenzwang. Der Streber löst die Rätsel im Klassenraum. Die Coolen die Partner-Aufgabe und ich? Ich bin mir sicher, dass sie zuhören und sich die Türen gleich öffnen werden, denn das ist, was sie mit diesem Rätsel in unser Bewusstsein bringen möchten. Die Einen belastet es zu Tode, die Anderen baut es auf, wenn man sonst nichts hat. Wir alle kennen es, niemand hat die Zeit, darüber nachzudenken oder darüber zu reden. Falsch, keiner nimmt sich die Zeit. Die Einen haben Angst davor, Wut oder sogar echten Hass, trauen sich aber nicht darüber zu reden. Die Anderen profitieren davon so sehr, dass sie es nicht aufgeben können. Das ist unsere Schule. Das ist unsere Jugend. Das ist, was wir leben, was wir immer noch am Leben lassen. Gruppenzwang. Das ist, was uns immer verfolgen wird. Wir entscheiden: Macht es uns schlauer, oder verreckt das Bewusstsein darüber weiter? Es war egal, dass die Türen sich öffneten, es war egal, dass im Hauptflur die letzte Aufgabe gegen das andere Team wartete. Ihre Worte waren alles. Denn eines wusste ich jetzt über mein Leben. Eines stellte ich jetzt fest. Ich stellte fest, dass ich mich getäuscht hatte.